Claudia Fischer-Walter erhält den Jurypreis des Kunstwettbewerbs reFORMATion

Dialog zwischen Kunst und Theologie

Gerhard Hötger, Sibylle Schüssler, Uwe Roßwag-Hofmann, Gabriele Hofmann, Claudia Fischer-Walter, Krisztina Jütten, Jochen Rapp
Seit mehr als 25 Jahren ist das Hohenwart Forum ein Ort des offenen Dialogs zwischen zeitgenössischer Bildender Kunst und Theologie. Die 24 Werke des zum 500-jährigen Reformationsjubiläum ausgeschriebenen Kunstwettbewerbs reFORMATion zeigen eine beeindruckende Vielfalt künstlerischer Auseinandersetzung mit Themenfeldern der Reformation.

Jurypreis

Jochen Rapp (Leiter der Abteilung Bau, Kunst und Umwelt der Evang. Landeskirche in Baden) verlieh am 26. März den mit 2000€ dotierten Jurypreis im Rahmen des ART-Gottesdienstes im Hohenwart Forum.
 
 
Die Installation "Verantwortung-FORMAT-Nächstenliebe 2015/16" zeigt ein Bett, mit einer schwarz-weißen Decke und einem weißen Kopfkissen. Doch der erste Eindruck täuscht: das Bett ist eine Holzpalette, Decke und Kopfkissen bestehen aus 9000 verbundenen Kabelbinder. So nahm die Preisträgerin den Aspekt der FORMAT-Veränderung auch in der praktischen Umsetzung auf: sie legte Feder und Tusche beiseite und beschritt neue Wege mit Materialien aus dem Baumarkt, mit denen sie noch nie gearbeitet hatte.
Die Künstlerin Claudia Fischer-Walter schreibt zu ihrem Werk: "Auf Grund der aktuellen Flüchtlingslage habe ich eine Installation zum Thema „Verantwortung-FORMATNächstenliebe“ gemacht. Die Aussage der Installation kann jedoch auf jede andere Randgruppe von Menschen und zu jeder anderen Zeit zutreffen. (...) Die Installation gibt mit der Auswahl der Materialien Möglichkeiten zur Interpretation und Diskussion zum Verhalten des Einzelnen, der Gesellschaft, der Kirche und der Politik."

Kunst im Hohenwart-Forum

Für Kuratorin Krisztina Jütten ist dies das Besondere bei ihrer Arbeit im Hohenwart Forum: Kunst, die nicht im Auftrag entsteht religiöse Wahrheit zu vermitteln, sondern Kunst, die frei ist von strengen Vorgaben und damit einen Anknüpfungspunkt für Dialog bietet. "Kunst kann nicht die Lösung sein. Sie soll Anregung bringen und Fragen aufwerfen.", so Jütten. Die Besucher seien aufgefordert sich selbst zu positionieren.
Zur Teilnahme am Kunstwettbewerb reFORMATion wurden Künstler aufgefordert, die in den letzten 25 Jahren im Hohenwart Forum ausgestellt hatten. "Freiheit und Verantwortung - Gemeinwesen, Öffentlichkeit und Politik, Religion und Spiritualität" waren die Themenfelder zu denen die Künstler Arbeiten einreichen konnten.

Dialog Kunst-Besucher

Der Widerspruch des ersten Eindrucks eines kuschlig-warmen Bettes, das einen Rückzugsraum bietet, um neue Kraft zu tanken, zur Realität des kalten, harten Materials, wirft beim Betrachter Fragen auf, z.B.: wo sollte eine Gesellschaft Schutz und Wärme geben und antwortet mit Ausgrenzung und Kälte? 
Claudia Fischer-Walter geht mit ihrem Angebot in Dialog zu treten sogar noch weiter: ihr Kunstwerk darf angefasst werden. Besucher können die Anordnung verändern, oder sich gar die Decke selbst umlegen, eigene Erfahrungen mit dem Kunstwerk machen.

Dialog Kunst-Theologie

In den ART-Gottesdiensten werden keine Deutungen der Kunstwerke vorgegeben, sondern die Kunstwerke aus christlicher Perspektive betrachtet. Kirchenrätin Gabriele Hofmann trat in ihrer Predigt in den Dialog mit dem Kunstwerk ein. Eine Decke, die nicht wärmt. Eine Decke und ein Kissen aus Plastikdornen.
Zwei biblische Bilder bot Gabriele Hofmann an, um sich der Arbeit aus einem christlichen Blickwinkel zu nähern:
"Ich möchte das gar nicht ausprobieren, was die Künstlerin uns anbietet, diese Decke doch einfach einmal zu nehmen und sie sich um die Schultern zu legen und auszuprobieren, wie sich das anfühlt.", so Hofmann in ihrer Predigt. Sie könne die Decke höchstens dem Christus aus der Kapelle umhängen, so dass er sie stellvertretend tragen kann für uns: "So wie es das christliche Bekenntnis ist in dieser Passionszeit. Dass Gott sich nicht abwendet vom Leid der Menschen. Sondern es hört und sieht und mitempfindet. Und es auf sich nimmt, sich selbst darin einhüllt."
Im 2. Buch Mose findet sich eine Vorschrift, wie mit Schuldnern umzugehen ist: "Nimmst du den Mantel deines Volksgenossen als Pfand, so gib ihn ihm bis zum Sonnenuntergang wieder zurück. Denn es ist seine einzige Decke, sein Kleid auf seiner Haut. Worin sollte er sonst schlafen?" (Ex 2,20).  Wir dürfen einem Menschen nie das wegnehmen, was er zum Überleben braucht. Sola gratia - die reformatorische Erkenntnis Luthers eines gnädigen Gottes, der uns großzügig beschenkt, ermögliche es uns ebenfalls gnädig zu sein.  Für Hofmann ist das Werk "Verantwortung - FORMAT-Nächstenliebe" deshalb dazu geeignet reformatorische Erkenntnisse zu beleben und zu aktualisieren.

Dialog Kunst - Gesellschaft

Für Sibylle Schüssler (Bürgermeisterin für Planen, Bauen, Umwelt und Kultur der Stadt Pforzheim) ist das Programm des Hohenwart Forums ein "gelungenes Kunstkommunikationskonzept". Die ständige Gegenwart von Kunst im öffentlichen Raum des Forums sieht sie als ein Geschenk, der Künstler und Verantwortlichen an uns. Eine Ausstellung sei gelungen, bei der „jeder der 24 Arbeiten uns vor die Aufgabe der eigenen Standortbestimmung stellt“.

Publikumspreis - Rahmenprogramm

Die Ausstellung reFORMATion ist noch bis zum 5. November im Hohenwart Forum zu sehen. Besondere Termine in dieser Zeit:
6. Mai, 15.00 Uhr: Kuratorenführung
23. Juli, 11.00 Uhr: ART-Gottesdienst
14. Oktober, 15.00 Uhr: Kuratorenführung
Alle Besucher sind aufgefordert sich mit einer Abstimmungskarte ihre Stimme für den mit 1500 € dotierten Publikumspreis abzugeben. Dieser wird im Rahmen eines weiteren ART-Gottesdienstes am 29. Oktober verliehen.
Einen kleinen Einblick in die Ausstellung finden sie auf der Homepage des Hohenwart Forums. Außerdem ist eine Postkartenserie mit Motiven der Ausstellung erhältlich.