Seebrücke Pforzheim
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
So klar formuliert es die Bibel. Es ist die unbeschränkte Verpflichtung, für die Würde aller Mitmenschen einzutreten.
Nächstenliebe unterscheidet nicht. Nächstenliebe heißt, dass jeder hilfsbedürftige Mensch im Blick sein muss. Christinnen und Christen können darum nicht tatenlos zuschauen, wenn Menschen auf der Flucht gequält, misshandelt, gefoltert, vergewaltigt oder getötet werden. Christen und Christinnen lassen keinen Menschen ertrinken. Punkt. So wurde es auf dem Kirchentag formuliert. Und sie schieben keine Menschen in Länder ab, wo ihr Leben weiterhin in Gefahr ist oder die Standards der Menschenrechte nicht eingehalten werden.
Die Würde von Menschen ist nicht verwandelbar. Deshalb muss auch das individuelle Recht auf Asyl gewahrt bleiben. Für Schutzsuchende muss es sichere Fluchtwege geben. Wir brauchen ein Einwanderungsrecht, das seinen Namen verdient und in einem angemessenen Maß legale Wege nach Europa bietet.
Es gibt den Einwand, dass wir das globale Problem Flucht nicht im Alleingang lösen werden. Der Einwand ist richtig, darf aber nicht dazu führen, dass wir unsere Hände wie Pilatus in Unschuld waschen. Der barmherzige Samariter hat auch nicht erst gewartet, bis andere dazu kamen. Er hat dem Notleidenden einfach geholfen. Punkt. Und dann geschaut, wer ihn dabei unterstützen kann.
Wir können und wollen nicht ignorieren, dass es immer um individuelle Menschen geht, denen wir unsere Hilfe versagen, wenn es keine Seenotrettung gibt. Es sind Menschen, keine Zahlen. Frauen, Männer, Kinder.
Darum haben wir Rettungswesten in unseren evangelischen und katholischen Kirchen verteilt. Sie besetzen jeweils einen Stuhl und sollen die Ertrunkenen ins Gedächtnis rufen. Einer von ihnen könnte auf diesem Stuhl sitzen, wäre er gerettet worden. Diese Schwimmwesten protestieren dagegen, dass Menschen an den Grenzen Europas bewusst dem Tod ausgesetzt werden.
Am 3. Juni hat der EKD Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm zusammen mit dem Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, einen Apell veröffentlicht. Ich möchte daraus einige Teile weitergeben:
„Im Hinblick auf das zu erwartende Ansteigen der Flüchtlingsströme im Laufe des Sommers ist es für die Europäische Union unabdingbar, sich auf ihre Grundwerte zu besinnen und Lösungen (…) zu finden, mit deren Hilfe neue Todesopfer im Mittelmeer verhindert und humanitäre Kanäle geschaffen werden können, und die Rettung von Schiffbrüchigen und Menschenleben zur Priorität macht.
Das Mittelmeer ist weiterhin die tödlichste Grenze weltweit. (…) Europa steht jetzt vor der Wahl: Wollen wir 2019 helfen oder wegschauen?
Gemeinsam mit vielen Verantwortlichen aus Kommunen, Kirchen und der Zivilgesellschaft meinen wir:
- 2019 darf nicht zu einem verlorenen Jahr für die Seenotrettung im Mittelmeer werden.
- Die Kriminalisierung der zivilen Seenotrettung muss ein Ende haben. Jetzt!
- Seenotrettung muss auch eine staatliche Aufgabe bleiben. Was ist aus der europäischen Seenotrettung geworden? Deutschland sollte hier ein Zeichen setzen und Schiffe entsenden!
- Wir brauchen noch in diesem Sommer eine politische Notlösung, einen vorübergehenden Verteilmechanismus für Bootsflüchtlinge. Viele Städte und Kommunen in Europa wollen „sichere Häfen“ sein! Lassen wir das Realität werden!
- Wir brauchen in der EU eine „Koalition der Willigen“, die jetzt handelt. Und eine zukunftsfähige Migrationspolitik entwickelt. Denn Menschen ertrinken lassen oder in die Lager Libyens zurückschicken, kann keine Option für Europa sein.“
Liebe Freunde und Freundinnen, ich schließe mich diesem Apell uneingeschränkt an und richte ihn an uns Pforzheimer und Pforzheimerinnen: Auch die Reuchlinstadt Pforzheim soll ein „sicherer Hafen“ sein!“ Nicht wegschauen, sondern helfen!
