Interreligiöse Kita - Stellungnahme

- 15.11.2019 - 

Zum Artikel "Verschleiert", der am 4.November in der Pforzheimer Zeitung erschienen ist, veröffentlichen das Evangelische und Katholische Dekanat, das Evangelische und Katholische Schuldekanat und der Vorstand der Christlich-Islamischen Gesellschaft Pforzheim eine gemeinsame Stellungnahme:

"Stellungnahme

des evangelischen und katholischen Dekanates Pforzheim, des evangelischen und katholischen Schuldekanates Pforzheim und des Vorstands der Christlich-Islamischen Gesellschaft Pforzheim

zum Artikel „Verschleiert“ von Sabine Mayer-Reichard in der PZ vom 4.11.2019

In der Pforzheimer Zeitung vom 4.11.2019 wurde ein Artikel veröffentlicht, in dem Herrn Fatih Aygün ausgehend von seiner Verbindung mit der Gülen-Bewegung Intransparenz und Verschleierung vorgeworfen wird.

Frau Sabine Mayer-Reichhard, die zugleich als Redakteurin und Kommentatorin auftritt, schreibt:

„Vertrauen basiert auf Offenheit und Ehrlichkeit…. Partner müssen wissen, mit wem sie es zu tun haben.“

Wir kennen Fatih Aygün seit vielen Jahren als ehrlichen und authentischen Menschen sowie als engagierten Partner im interreligiösen Dialog. Dieser Dialog basierte immer auf Offenheit und Ehrlichkeit. So war das Engagement von Herrn Aygün für die Gülen-Bewegung nie ein „geheimes Taktieren“, sondern bekannt. Gerade in den vergangenen Jahren hat Herr Aygün immer wieder dafür gesorgt, dass sich über die Gülen-Bewegung informieren konnte, wer sich  informieren wollte. Zugleich genoss Herr Aygün auch in der Ditib-Moschee-Gemeinde Pforzheim viel Vertrauen. So wurde er als Beirat  der Moscheegemeinde in die Christlich-Islamische-Gesellschaft  Pforzheim (CIGP) entsandt.

Die Situation der Mitglieder der Gülen-Bewegung hat sich durch den  Putsch 2016 in der Türkei sehr verändert. Wie viele andere sah und  sieht sich Herr Aygün in vielerlei Hinsicht Anfeindungen, Schmähungen und Verfolgungsdruck ausgesetzt. Auch unter diesen Bedingungen ist  es ihm ein spürbares Anliegen sich als Brückenbauer im Dialog  zwischen Muslimen und Christen zu betätigen. So verstehen wir auch  sein Engagement für die Interreligiöse Kindertagesstätte „Irenicus“,  zumal anstelle des von Herrn Aygün mitgegründeten Vereins „Bündnis unabhängiger Muslime Pforzheim“ kein anderer muslimischer Verband als Mitgesellschafter zur Verfügung stand.

Frau Mayer-Reichard fordert in ihrem Kommentar: „Ganz genau hinschauen“. Ja, wir schauen genau hin und bemerken im Artikel und im Kommentar einen diffamierenden Grundton, der das Engagement  von Herrn Aygün desavouieren will.

Das wird schon in der Artikelüberschrift „Verschleiert“ deutlich: Werden mit dieser Wortwahl nicht offenkundig antimuslimische Ressentiments assoziiert und bedient?
Im Verlauf des Artikels wird Herr Aygün mit den Worten zitiert: „Als liberalen Moslem würde ich mich nicht bezeichnen.“ Sind denn nur liberale Muslime gute Muslime? In seiner wertkonservativen Grundhaltung entspricht Herr Aygün übrigens den meisten Muslimen in Pforzheim und Deutschland, die sich als religiös bezeichnen würden. Steht er damit aber schon unter Generalverdacht? Gilt das genauso für wertkonservative Katholiken oder Protestanten?

Darüber hinaus wird unterstellt, Herr Aygün habe den Konrektor der  Johannes-Kepler-Privatschule in Karlsruhe, Afsin Sadikoglu, in den  Beirat der Interreligiösen Kindertagesstätte „Irenicus“ entsandt, um  dort der Gülen-Bewegung Einfluss zu verschaffen. Verschwiegen wird aber, dass die Johannes- Kepler-Schule in Karlsruhe wie alle anderen  staatlichen, privaten und kirchlichen Schulen unter der staatlichen Schulaufsicht steht und dort gemäß den Leitperspektiven und Inhalten des aktuellen Bildungsplans unterrichtet wird. Kann Herr Sadikoglu als erfahrener Pädagoge dann nicht ein kompetentes muslimisches  Mitglied im achtköpfigen Beirat der Interreligiösen Kindertagesstätte sein?

Es ist ein Grundprinzip des interreligiösen Dialogs sich auf Augenhöhe zu begegnen und den Dialogpartner nicht in vorgefasste Schablonen und Erwartungsmuster zu zwängen. Ohne diese Voraussetzung kann kein Dialog, kein Verstehen, kein Vertrauen wachsen.

Deshalb wenden wir uns gegen den in der Pforzheimer Zeitung veröffentlichten Artikel, der undifferenziert und tendenziös Verdächtigungen kolportiert, intoleranten und spalterischen Kräften in unserer Gesellschaft in die Hände spielt und die Integrität von Fatih Aygün beschädigt.

Zugleich wird auch das bisher einzigartige und wegweisende Projekt einer interreligiösen Kindertagesstätte in Pforzheim beschädigt. Alle  am Projekt Beteiligten werden der Blauäugigkeit und mangelnder  Sorgfalt bezichtigt, was angesichts des langen Vorlaufs und der  wissenschaftlichen Expertise, mit der die interreligiöse  Kindertagesstätte begleitet wird, haltlos ist."