Rolf Schweizer: Requiem für Lebende und Tote

- 21.02.2020 - 

Gesamtkunstwerk – berührend – bewegend – erschütternd: die Besucher*innen können kaum in Worte fassen, was das Konzert in ihnen auslöst.
Ein großes Projekt – in vielfacher Hinsicht: Das Kulturamt Pforzheim ist Veranstalter des Großprojektes, in Kooperation mit dem Evang. Stadt- und Bezirkskantorat Pforzheim:

Kirchenmusikdirektorin Heike Hastedt (Gesamtleitung) und Landeskirchenmusikdirektor dirigieren zwei Chöre – oben und unten. Es singen die Sopranistin Katrin Müller, der Motettenchor, Oratorienchor, die Jugendkantorei Pforzheim. Sie singen aber nicht nur, sie bewegen sich auch im Raum, der bei der Aufführung nicht nur Kirchenraum ist, sondern auch Projektionsfläche für Bilder.
Historische Bilder, die für Schüler*innen verschiedener Pforzheimer Schulen als Grundlage für eigene Kunstwerke zum 23. Februar wurden und die an verschiedenen Stellen in der Stadt zur Zeit zu sehen sind. Thorsten Bauer von Urban Screen Lichtkunst hat einige davon ausgewählt und an den Kirchenraum mit seinen Rundungen angepasst. Die Schüler*innen kannten wohl Rolf Schweizers Werk nicht – und Rolf Schweizer wusste nicht, welche Bilder 25 Jahre nachdem er das Werk komponierte entstehen würden, bei der Aufführung der Neuinszenierung des „Requiem für Tote und Lebende“ wirkt es, als gehörten sie schon immer zusammen.

Auch mit Blick auf die Musiker*innen ist es ein großes Projekt: das Südwestdeutsche Kammerorchester, das erweiterte Bachorchester und Evelin Grizfeld an der Orgel.

Jörg Bruckschen und Joanne Gläsel lesen die Texte des Requiem: Stimmen der Toten, Schilderung der Bombennacht, biblische Texte.

Die Proben waren intensiv: geschult von ihren Dirigenten, aber auch von Guido Markowitz und Damian Gmür vom Pforzheimer Theater, die die Regie übernommen hatten, merkten die Beteiligten: „das ist kein Stück wie jedes andere. Es nimmt uns mitten rein ins Geschehen.“

Bei der Einführung für Schulklassen erzählt Heike Hastedt von ihrem Telefonat mit Frohmut Schweizer: ein eindrücklicher Chortext stammt von ihr – sie lebte als Kind in Mannheim, eine ebenfalls schwer getroffene Stadt. „Wir brennen, wir brennen und werden zermahlen. Kein Atem, kein Leben im flammenden Gas, von Schmerzen zerfressen, von Bomben zersplittert, sind heillos zerstört wir an Körper und Geist. Herr hilf uns gepeinigten Menschen und rett uns aus qualvollem Tod.“

„Nur wenige Städte haben das Privileg ein „Requiem für Tote und Lebende“ ihr Eigen nennen zu können. Das Werk übersteigt die Dimension bloßen Erinnerns. (…)  es ist auch Mahnung und Verpflichtung zu Versöhnung und Frieden“ – so Heike Hastedt in ihrer Einführung.
In seinem Grußwort schreibt Oberbürgermeister Peter Boch: „Rolf Schweizer hat uns mit seinem Werk eine eindringliche Botschaft hinterlassen. Am 75. Gedenktag blicken wir zurück auf das, was geschehen ist, wir erinnern uns und gedenken der Opfer des Krieges. Wir schauen aber auch auf heute, auf 75 Jahre Frieden, für dessen Erhalt wir uns tagtäglich einsetzen sollten!“

„Dies irae – Tag des Schreckens – diese apokalyptische, frühmittelalterliche Vision wurde vor 75 Jahren für unsere Stadt zur furchtbaren Wirklichkeit! Am 23. Februar 1945 kündigte um 19.48 Uhr der Funk über Pforzheim eine Luftgefahr an. Zu diesem Zeitpunkt kreiste bereits eine Mosquito über der Stadt und gab dem anfliegenden Bomberverband den Einsatzbefehl.“

„Herr hilf uns, das Feuer, das Feuer ergreift uns, es stürzt unsre Häuser und frisst alles auf. Kein Halt mehr, kein Rückzug in schützende Mauern. Bedroht sind wir selbst und was Schutz für uns war. Wir fallen ins bodenlose Leere und stammeln erstickte Gebete hervor.“

 „In dieser Stunde soll der Toten des Angriffs vom 23. Februar 1945 gedacht werden. Ihr grauenvolles Ende soll den Überlebenden und Nachgeborenen Mahnung und Verpflichtung zur Versöhnung und zum Frieden sein!“