über.wunden - wunder.bar

- 23.02.2020 - 

Preacher Slam: statt einer (mehr oder weniger langen) Predigt hörten die Besucher*innen des Preacher Slams am Samstag 8 Prediger*innen, mit jeweils maximal 7 Minuten. Esther Philipps und Heike Springhart hatten die Idee zum "Doppel-Preacher-Slam" in der Goldstadt: am Samstag über.wunden in der Markuskirche am Wartberg und im Oktober in der Auferstehungskirche - wunder.bar gebaut aus den Trümmersteinen der zerstörten Stadt.

Sem Griesinger moderierte den Abend und hatte gleichzeitig die Aufgabe Punkte zu zählen: bei einem Slam hört das Publikum nicht nur zu, sondern vergibt auch Punkte: je nachdem wie gut ihnen der Beitrag gefallen hat 1-10 Punkte.
Nach jedem Beitrag wird im Publikum diskutiert und an 6 verschiedenen Stellen werden Punktkarten hochgehalten - wer den Sieg holt darf am Ende einen zweiten Text vortragen. Ein paar kleine Gedankensplitter aus dem wortreichen Abend:
Christian Link aus Radolfzell
"Heilung wünschen wir uns an diesen Punkten, auch bei den Wegmarken den Punkten an unserem Weg, bei den Entscheidungen die so waren, wie sie waren, aber jetzt nicht mehr stimmen. Wir müssten nicht dauernd zurückblicken und fragen "was wäre wenn", sondern könnten nach vorne schauen fliegend durch unser Leben gleiten in Gottes bunten Horizont hinein und nicht das Gefühl haben "du musst aber erst". Wie schön wäre es frei zu sein und lieben zu können, das Leben, unser Leben. Wie schön wäre es, wenn wir an uns glaubten, wenn jemand an uns glaubte. Dass ich heil werden kann, heil bin. Meine Wunden geheilt. Es gibt natürlich einen, der an mich  glaubt. Dieser Jesus und der sagt: sei getrost ich habe die Welt überwunden."
Elke Niebergall-Roth aus Mannheim
"Mein Glaube an den unverletzten Gott ist einen tausendfachen Tod gestorben, er ist verblutet unter der Dornenkrone, er ist aufgespießt auf Golgatha, verbrannt in den Feueröfen von Ausschwitz, krepiert im Bombenhagel des totalen Krieges, verdampft im Inferno von Hiroshima, zerschunden in den Kellern der Despoten, erschossen an Mauern,  zerissen am  Stacheldraht, verhungert, verdurstet, ertrunken auf der Flucht. (...) Darum, wenn einer kommt um mir Heil zu bringen, dann werde ich mit eigenen Augen prüfen, an wessen Seite er wirklich steht. ´Du sagst,´ werde ich sagen, ´du seist einer von uns? Dann rede nicht mit Engelszungen, sondern zeige mir deine Wundenmale. Lass mich dein durchbohrtes Herz berühren, dann, und nur dann werde ich erkennen und bekennen: du bist der Christus, du bist mein Herr.´"
Birgit Mattausch aus Hildesheim
"Woisch, vielleicht gheert es dazu. Ich sag´s auf schwäbisch un auf hochdeutsch, oder was ich dafür halte. Ich sag es zu Prädikanten, Pastorinnen, Kirchenvorstehern, zu all den frommen Seelen, die zu mir kommen und nicht wissen, wohin zu gehören. Ich sag´s auch zu mir selbst. Wisst ihr, vielleicht gehört es dazu, dass wir wunderlich sind. Dass wir immer wunderlicher werden. Denn unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat."
Carolin Kremendahl aus Wuppertal
"Wie soll das auch gehen, den zu verstehen, der den Verstand einst erfand? Doch weil du all das kennst, weil du weißt, dass ich mich immer wieder verrenn, hast du es von mir getragen, bis ans Kreuz und danach begraben. Deine Wunden und deine Narben zeigen mir, dass es geht, es auszuhalten und zu ertragen, bis zu dem Tag an dem du meine Wunden heilst."
Dr. Anne-Helene Kratzert aus Palmbach
"Wir brauchen deine Worte, deine Tränen und dein Zeugnis, weil wir in deinem Namen goldene Spuren sehen, dann lasst uns gehen, mit Erinnerung und Mitleid und Gebet. Nach Mali, Nigeria, Sudan, nach Syrien, Burundi, Afghanistan, nach Thailand, Indien, Nordirak, und Lybien und Kongo und jeden Kriegsschauplatz auf dieser Welt und ab 22.00 Uhr in jeder Nacht auf dem Straßenstrich im Karlsruher Killesfeld. Lasst euch erzählen von ihren Wunden und wie sie kämpfen in schlaflosen Stunden, wie Jakob am Jabbok, und wie es ist, wenn deine Stimme flüstert mehr als ruft, heimatlos, gebrochen:`ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!`"
Theo Leonhard aus Pforzheim
"S´isch nit immer so so ganz klar, wo die Wunde tatsächlich sitze, die wo´d heile solschd mit de Zeit. Manche Leid sage, mir hend zu viel Flüchtling, do misst ma dragehe un en Riegel vorschiebe, des isch a Wunde in unsere Zeit. Aber isch ned des die eigentliche Wunde, dass mir, ganz gut profidiere, vun Rüstungsexporte, die wo viel zum Krieg beitrage und Mensche dezu zwinge, dass se flüchte misse und dass mir profidiere, vum e Wirtschaftssystem, des wo uff Koschde vun annere Länder geht - unn a des zwingt Leid dezu zum flüchte. Wo sinn denn do die Wunde, die wo behandelt g´here?"
Christiane Quincke aus Pforzheim
"Wunden sind oft winzig und doch wirksam, weswegen ich sie wiederholt wegschließe, will sie nicht wahrnehmen, weigere mich sie wahr sein zu lassen - was für ein Wahnsinn. Sie wehren sich gegen meinen Wunsch mit aller Wucht. Kein Wischen nach links und kein Wegwaschen macht sie weniger, kein Witzeln wandelt sie, kein Wechseln und Wüten würgt sie ab. (...) Zeigen wir uns unsere Wunden, ich zeige meine und du zeigst mir deine. Wir tragen sie ja mit uns. Wir bleiben verwundbar und das ist gut so, damit wir weich bleiben, Mensch bleiben. Nur in einer verwundbaren Welt kann ich leben mit Tränen und offenem Herzen."
Thomas Abraham aus Durlach
"Das Reden über Wunden wurde definitiv nicht von Männern erfunden.
Wir sprechen lieber über unseren Erfolg und die Zahl unserer Überstunden.
Aber ich fühle mich heute Abend an das Thema gebunden.
Deshalb hab ich mich überwunden,
habe in zahllosen Überstunden
einen Wörterblumenstrauß gebunden
und will euch hier und heute bekunden:
ich schweige über Wunden.
Und - ich leide schweigend über Wunden.
Habe die Wunden schon lange über, aber noch lange nicht überwunden.
Ich meine beide: die Körper- und die Seelenwunden.
Von denen gibt es vielerlei, ihr kennt sie auch: die Stich-, Schnitt-, Schuss- und Platzwunden,
die Riss-, Biss-, Brand- und Schürfwunden.
Die Stich-ins-Herz, die Seelen-Schürf- und die Träume-Platz-Wunden."
 
Musikalisch begleitet wurde der Abend von Simon Krust am Klavier.
Am Ende stand der Dank: an alle Prediger*innen, an die Schüler*innen vom Poetry Slam die den Abend eröffneten, an Oliver Würslin, der für Licht und Ton zuständig war, die Erwachsenenbildung, die mitfinanzierte, Simon Kurst für die Musik, Sem Griesinger für die Moderation und alle, die im Hintergrund mitorganisiert haben.
Wer einen Preacher-Slam selbst erleben will, hat dazu in diesem Jahr gleich zwei Gelegenheiten in erreichbarer Nähe: am 7. März um 19.00 Uhr in Heidelberg, Peterskirche und beim zweiten Teil des goldenen Preacher-Slams "wunder.bar" am 24. Oktober um 19.00 Uhr in der Auferstehungskirche Pforzheim.