Aktualisierung 17.10.: Danke an alle, die sich friedlich gegen die Hassparolen gestellt haben. Für den Rat der Religionen Pforzheim sprach Christiane Quincke, Dekanin der Evang. Kirche in Pforzheim bei der Gegenkundgebung gegen die rechtsextremistische Kundgebung von Michael Stürzenberger / „Pax Europa“, Pforzheim 17.10.2020:
„Vor 9 Jahren ermordete der Norweger Anders Breivik 77 Menschen. Er bezeichnete sich selber als christlicher Krieger. Niemand würde ernsthaft behaupten, dass er es tat, weil der Christ war. Und dass man darum das Christentum aus Europa verbannen müsse.
Gestern ermordete ein 18jähriger in einem Vorort von Paris einen Geschichtslehrer. Der Mörder bezeichnete sich selber als Muslim. Man spricht von einem islamistischem Terrorakt und ich glaube auch, dass es einer war. Eine furchtbare Tat. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen des Toten und der verunsicherten Bevölkerung.
Aber nun werden sich wieder die ihre Hände reiben, die den Islam und die Muslime aus Europa verbannen wollen. Seht ihr? Sagen sie. So sieht die Religion des Friedens aus. Sie spielen damit auf die Buchstaben S L M an, die eben auch Salam - Frieden bedeuten.
Der Islamismus und insbesondere der islamistische Terror sind eine große Gefahr. Man muss ihn bekämpfen. Und dazu müssen alle beitragen, auch die Muslime. Am meisten leiden die Muslime selber unter diesem Terror. Aber wer diesen Terror mit der Religion gleichsetzt, auf die der Terror sich beruft, tut den Terroristen einen großen Gefallen: er bestätigt ja, was sie beanspruchen - nämlich im Namen des Islams zu sprechen. Und genau das sollten wir nicht tun.
Ich stehe hier für den Rat der Religionen in Pforzheim. Vor gut 2 Jahren haben wir diesen Rat gegründet. In diesem Rat sind vertreten: Juden, Muslime, Alevit*innen, Jesiden, Christ*innen. Wir wollen, dass noch mehr dazu kommen.
Wir haben diesen Rat der Religionen gegründet, weil wir uns gemeinsam für das friedliche Zusammenleben der Menschen in Pforzheim einsetzen. Wir sind überzeugt, dass das nur mit gegenseitigem Respekt möglich ist. Und so bekämpfen wir auch jeden Fundamentalismus.
Wir sind nicht naiv und der Rat der Religionen ist auch keine Kuschelgruppe. Wir streiten uns und diskutieren heftig. Wir wissen, dass es unter uns große Unterschiede gibt und die sind oft nicht leicht auszuhalten. Dazu kommen auch z.T. schmerzliche Erfahrungen, die viele unter uns mit Angehörigen anderer Religionen gemacht haben. Zum Beispiel die Juden mit den Christen. Oder die Jesiden mit den Muslimen. Oder auch die Muslime untereinander. Oder die Chaldäer-Katholiken mit Muslimen. Oder Muslime mit Christen. Oder…. Unsere Geschichte ist voll von furchtbaren Erfahrungen dieser Art. Umso wichtiger ist, dass wir lernen miteinander zu leben und zwar auf Augenhöhe. Wir alle wissen: der Hass, der schon immer untereinander geschürt wurde, führt nur in die Katastrophe. Wir dürfen die Gesellschaft nicht noch weiter spalten, sondern müssen sie zusammenbringen.
Wir haben diesen Rat der Religionen gegründet, um den Frieden in unserer Stadt zu stärken. Und wir haben ihn gegründet, weil uns die Religionsfreiheit am Herzen liegt.
Die Religionsfreiheit ist fest im Grundgesetz verankert und wir wollen sie schützen. Und diese Religionsfreiheit hat 2 Seiten: die eine heißt: niemand darf zu einer Religion gezwungen werden. Und die andere Seite: jeder und jede darf ihre Religion ausüben und leben.
Wenn also ein Herr Stürzenberger und sein Verein Pax Europa den Islam aus Deutschland vertreiben und den Bau von Moscheen verbieten wollen, ist das klar verfassungsfeindlich. Menschen haben ein Recht auf ihre Religion. Punkt.
Rechtsextremisten wie Stürzenberger und viele in der AfD bedienen sich eines billigen Tricks: sie behaupten einfach, dass der Islam keine Religion sei, sondern eine politische Ideologie. Das ist ein Schlag ins Gesicht aller Muslime, die einfach nur ihren Glauben leben wollen.
Dieser Trick wird immer wieder gerne angewandt, um Gläubige zu diskreditieren und auszugrenzen, ja, sogar zu vertreiben. Vor 80 Jahren gab es das schon mal in Deutschland. Da galten die Juden und Jüdinnen als Volksfeinde. Und genau deshalb dürfen wir nicht zulassen, dass das wieder geschieht.
Wer eine Religion verteufelt, sorgt für Hass und Gewalt. Die Folgen sehen wir hier in Deutschland zur Genüge. Der Terroranschlag auf die Synagoge und einen Imbiss in Halle vor gut einem Jahr war nicht nur antisemitisch, sondern auch islamfeindlich und rassistisch motiviert. Der Terroranschlag in Hanau vor ein paar Monaten war islamfeindlich. Die Moscheen bekommen ständig Drohungen und Schmähungen. Erst vor einer Woche wieder hier in Pforzheim die Fatih-Moschee. Das ist hoch gefährlich: für die Muslime und für unsere Gesellschaft.
Wir im Rat der Religionen wissen: wer eine Religionsgemeinschaft bedroht, bedroht alle. Wer die Freiheit der einen Religionsgemeinschaft einschränken will, gefährdet sie für alle. Darum stehen wir füreinander ein. Und wir stehen für eine freiheitliche, menschenfreundliche Gesellschaft. Wir lassen uns nicht spalten. Schon gar nicht von Rechtsextremisten.“
Meldung vom 15.10.:
Am Samstag will Michael Stürzenberger auf dem Leopoldsplatz seine islamfeindlichen Botschaften verbreiten. Er wird vom bayerischen Verfassungssschutz beobachtet, dort heißt es "Michael Stürzenberger ist weiterhin die zentrale Figur der verfassungsschutzrelevanten islamfeindlichen Szene in Bayern."
Religionsfreiheit ist ein wichtiges Gut in unserer Gesellschaft. Wir können nicht zulassen, dass Menschen auf Grund ihrer Religion diskriminiert oder angefeindet werden:
Von 11.00-20.00 Uhr werden sich deshalb am Samstag Menschen in der Bahnhofsstraße versammeln, die zeigen, dass sie die Hassbotschaften in der Mitte unserer Stadt nicht hinnehmen wollen, wir freuen uns über viele die vorbei kommen!
Über den langen Zeitraum hinweg wird es wahrscheinlich automatisch nicht zu voll werden, trotzdem die Erinnerung: bitte 1,5m Abstand halten und Mund-Nasen-Bedeckung mitnehmen.