Reformationsgespräch

- 01.11.2021 - 

Seenotrettung eine Aufgabe der Kirche?

Am Sonntag waren zum Reformationstag im Gespräch miteinander:
Constanze Broelemann – Pfarrerin und Journalistin
Dr. Christoph Glimpel – Dekan
Christiane Quincke – Dekanin
Kebba Darboe
 
Moderation: Dr. Marc Witzenbacher
Anwalt/Anwältin des Publikums: Claudius Schillinger

Zum Beginn und Abschluss durften die ca. 70 Besucher*innen in der Stadtkirche Musik der Bezirksbläser, unter Leitung von Axel Pfrommer genießen:
"Jeder Mensch ist so in Gottes Hand, als ob er seine einzige Sorge wäre." Mit diesem Satz eröffnete Pfarrer Hans Gölz-Eisinger das Reformationsgespräch.
Constanze Broelemann berichtete vom Einsatz des Rettungsschiffs, den sie begleitet hat: von der 23köpfigen Besatzung waren die meisten Freiwillige, nur wenige Funktionen (z.B. Kapitän und Ingenieure) gehörten fest zur Besatzung. Die Arbeit dieser freiwilligen, nichtstaatlichen Seenotretter begann, als die "Mare nostrum", das letzte staatliche Seenotrettungsschiff seinen Dienst eingestellt hatte, weil  Italien sich vom Rest Europas im Stich gelassen fühlte.
Das Schiff fuhr von Spanien zur Such-und Rettungszone vor der libyschen Küste. Dort  wurde das Meer auf einem 250km langen Streifen nach Schiffbrüchigen abgesucht. 
Die Geflüchteten werden meist in überfüllte Gummiboote gesetzt, die meist nur einen Kanister Benzin und nur in seltenen Fällen ein Satellitentelefon an Bord haben, mit dem sie einen Notruf absetzen könnten, wenn sie die 300 Kilometer bis Italien nicht schaffen.
Wenn ein Schiff in Seenot lokalisiert werden könnte, wurde vom Rettungsschiff ein Motorboot losgeschickt, besetzt mit Helfern, deren Aufgabe als erstes war auf arabisch, französisch und englisch die Menschen zu beruhigen und sie mit Rettungswesten zu versorgen. Dann wurden die Schiffbrüchigen nach und nach an Bord des Rettungsschiffs gebracht. Dort von Mitarbeitenden von "Ärzte ohne Grenzen" triagiert  und versorgt. Bei 4 Rettungen wurden 354 Menschen gerettet. Dann müsste ein "sicherer Hafen" gefunden werden, also einen Hafen in dem die Menschen nach europäischem Recht behandelt werden. In Palermo dürften sie anlaufen, müssten dort aber erstmal in Quarantäne und das Schiff wurde festgesetzt. 
Im letzten Sommer hat Constanze Broelemann versucht zu den geretteten Menschen Kontakt aufzunehmen, um etwas über ihr weiteres Schicksal zu erfahren, einige hat sie in Frankreich  und Italien gefunden. Eine schwer traumatisierte Frau, die mit einem Baby an Bord war und zwei Kinder an der Elfenbeinküste zurück lassen musste, hielt sich in Frankreich auf, dorthin kommen viele Geflüchtete, weil sie die Sprache können. Sie muss aufgrund des Dublinabkommens zurück nach Italien. Ein homosexueller Christ aus Kamerun lebt in Toulouse auf der Straße ohne Papiere. Auf die Frage, wie er aus diesem Leben als "Nicht-Person" herauskommen will ist seine Antwort: " Gott wird mir helfen." Ein Minderjähriger macht zur Zeit eine Ausbildung und hat gute Chancen, dass er nach der Ausbildung Asyl bekommt. 
Nach diesem Bericht gab es zwei kurze theologische Statements:
Christiane Quincke nahm Bezug zum Gleichnis des barmherzigen Samariters, mit der Aufforderung Jesu ebenso zu handeln.  Den vielen "Ja, aber-Sätzen" stellt sie das Lied des Paulus entgegen "wenn ich mit  Menschen- und Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle". Wenn wir das Beste Grundgesetz hätten, aber anfangen auszuwählen, für wen Menschenrechte gelten sollen und für wen nicht, ist es nichts wert.  Wir fragen nicht, ob es jemand "wert ist" gerettet zu werden. Wir sind geliebt, jeder Mensch ist wertvoll. Wenn niemand sonst etwas tut, muss es eben die Kirche tun.
Christoph Glimpel legte in seinem Statement den Schwerpunkt darauf die verschiedenen Ebenen zu trennen: in der Kirche wird häufig über ethische Fragen gestritten: nicht nur über Seenotrettung, auch zu Fragen rund um das Klima oder sexualethische Fragen. Zur Zeit der Reformation waren die Streitthemen dogmatische Fragen, wie z.B. die Frage des Ablass.
Bereits seit dem 19. Jahrhundert gibt es die Frage, ob die Kirche in einer "allgemeinen sittlichen Gesellschaft aufgehen". Er fragt: Ist Ethik die neue Dogmatik und Moral die neue Frömmigkeit? 
Man muss kein Christ sein, um sich fürs Klima einzusetzen.  Das Besondere am Glauben ist nicht, dass er Gutes tut. Wenn Menschen sich aus Glaube für Seenotrettung einsetzen ist es ein gutes Werk. In ethischen Fragen ist es deshalb möglich, Mehrheitsentscheidung von Synoden mitzutragen, auch wenn eine Minderheit eine andere Position hatte. In ethischen Fragen sind Mehrheitsentscheidung möglich, in dogmatischen Fragen nicht.
Für die musikalischen Beiträge wurde ein besonderer Chor zusammengestellt: Chorleiter*innen aus beiden Kirchenbezirken unter der Leitung von Wolfgang Bürck und Susanne Fuierer.
Kebba  Darboe berichtete von seiner Flucht: von Gambia nach Mali, über Burkina Faso nach Libyen. Mit Geld aus Tegelöhnerjobs (die nicht immer auch wirklich bezahlt wurden, und auch manchmal der Lohn bei Überfällen auf dem Heimweg wieder verloren war) und mit Unterstützung seines Vaters könnte er die Überfahrt schließlich bezahlen und kam 2014 nach Italien und dann schließlich nach Deutschland. Gemeinsam mit ca. 30 anderen Geflüchteten kam er schließlich von Karlsruhe nach Pforzheim.
 
Die anschließende Diskussion wurde von Marc Witzenbacher geleitet, der nochmal genauer nachfragte, z. B. bei Constanze Broelemann, ob politische Fragen auf dem Schiff eine Rolle gespielt haben: Sie erzählte, dass  zu Beginn viel diskutiert wurde, aber sobald die Rettung losging, war es im Tun völlig egal, "da sind einfach alle Menschen".
Bei den Rückfragen an Dekan und Dekanin ging es nochmal vertieft um die Frage, was bedeutet es, wenn Kirche auf der einen Seite nicht unpolitisch handeln kann, weil die "sichtbare Kirche" selbst Teil der Gesellschaft ist und gleichzeitig in der Wahrnehmung nicht mit Parteipolitik verwechselt werden soll. Aber auch um das, was nach der Flucht kommt: Die Kirchen können auch bei der Integration eine wichtige Rolle spielen: neben den staatlichen Hilfesystemen, die inzwischen gut eingespielt funktionieren, können Ehrenamtliche die Menschen begleiten und auch bei auftretenden Konflikten und bürokratischen Hürden vermitteln. Auch gemeinsam neu geschaffene Dialog- und Begegnungsformen wie z.B. der Rat der Religionen sind dabei hilfreich.
 
 Auch das Publikum könnte Fragen und Anmerkungen über Claudius Schillinger ins Gespräch einbringen. Nicht alle Fragen konnten an diesem Abend umfassend geklärt werden, aber es wurde deutlich: ein differenzierter Blick auf das Thema Seenotrettung aus verschiedenen Blickwinkeln ist möglich und: in Dilemma-Situationen  gibt es keine "perfekten" Lösungen, aber den Wunsch von allen Beteiligten in ihrer Not, ihren Ängsten, ihrer Geschichte und Erfahrungen, die sie zu bestimmten Positionen bringen, ernst genommen und nicht vorschnell verurteilt zu werden.
Am Ende konnten alle mit einer Spende die  diakonische Arbeit der Waldendnser in Palermo unterstützen. Informationen und Spendenmöglichkeit finden Sieauf der Webseite  des Hilfswerkes der Evangelischen Kirche der Schweiz
Mit einer Einladung zu weiteren Gesprächen bei Fingerfood und Getränken und  Zitat aus dem Talmud beendete Hans Gölz-Eisinger das Gespräch "auf dem Podium":
"Wer nur einen einzigen Menschen rettet, rettet die ganze Welt."