Stellungnahme der Diakonie Pforzheim zur geplanten Erstaufnahmeeinrichtung im Brötzinger Tal

- 23.01.2023 - 

und zur Wiedereröffnung der Flüchtlingsunterkunft auf dem Thales-Gelände

Die Diakonie Pforzheim hat in der Beratung und Begleitung von Flüchtlingen einen jahrzehntelangen Erfahrungshintergrund. 
Wir betreuen sämtliche Gemeinschaftsunterkünfte in der vorläufigen Unterbringung in Pforzheim, haben Mitarbeitende im Integrationsmanagement und einen großen Sprachkursbereich. 
Mit dieser Stellungnahme wollen wir einen fachlichen Beitrag zur derzeitigen Diskussion um eine mögliche Erstaufnahmeeinrichtung im Brötzinger Tal, sowie der großen Gemeinschaftsunterkunft auf dem ehemaligen THALES-Gelände leisten.

Integration und Teilhabe von Anfang an
Lediglich der Blick darauf, welche Integrationsmaßnahmen für Pforzheim auf die Schnelle von finanziellem Vorteil sein könnten, ist zu kurzsichtig. Flüchtlinge sind keine Kostenfaktoren, sondern Menschen in Not, oft mit traumatischen Erlebnissen in Ihrer Geschichte. Zudem werden ca.60% der Asylbewerber einen Schutzstatus erhalten; sie bleiben also hier. 
Deshalb stehen wir für Integration und Teilhabe von Anfang an. Das hilft allen! In Pforzheim und anderswo. Viele integrationsfördernde Bedingungen und Angebote sind schwierig oder gar unmöglich in Massenunterkünften umzusetzen – deshalb sind kleinere Unterkünfte immer den größeren vorzuziehen. 
Zudem ist nicht vorherzusehen, wie lange die derzeitigen hohen Flüchtlingszahlen anhalten werden. Falls jedoch in Pforzheim eine große Erstaufnahmeeinrichtung entstehen wird, muss diese das Ankommen der Menschen in den Mittelpunkt stellen und sie bestmöglich auf das Asylverfahren und den Aufenthalt in Deutschland vorbereiten. 
Da die erste Phase des Asylverfahrens für die schutzbedürftigen Flüchtlinge von entscheidender Bedeutung ist, sind gute Aufnahmebedingungen und eine enge sozialpädagogische und gesundheitliche Betreuung notwendig. Integraler Bestandteil jeder Erstaufnahme ist daher auch eine unabhängige, qualifizierte, kultursensible und ausreichend ausgestattete Verfahrens- und Sozialberatung. Die Suche nach und die Zusammenführung mit ihren Angehörigen, sowie die Behandlung akuter Krankheiten, sowie psychologische Betreuung sind anzubieten. Außerdem ist eine systematische Identifizierung von vulnerablen Personen und ihrer Bedarfe wichtig.
 
Qualifizierte Unterstützung im Haupt- und Ehrenamt
Die Bewohner in Erstaufnahmeeinrichtungen finden sich in einer Situation des permanenten Ausharrens wieder: Der Alltag ist geprägt von Langeweile und einem Gefühl, dass wichtige Lebenszeit verstreicht.
Hinzu kommt die Ungewissheit über die eigene Zukunftsperspektive. Deshalb ist die Begrenzung der Zeit in einer Erstaufnahmeeinrichtung auf wenige Wochen, Voraussetzung für gelingende Integration.
Der Zugang von ehrenamtlichen Initiativen und hauptamtlichen Beratenden muss gegeben sein. Wird mit der Integration zu spät begonnen, werden Kosten erfolgen durch ‚nachholende‘ Maßnahmen. Die Ausgaben können ein Vielfaches der Mittel betragen, die nicht schon bei Ankunft investiert wurden.
 
Große Unterkünfte bergen große Gefahren
Die Corona-Pandemie hat eine besondere Gefährdung durch die Massenunterkünfte offenbar gemacht:
Wer mit vielen anderen Menschen in Mehrbettzimmern lebt und Küchen, Waschräume und Toiletten teilt, kann die einfachsten Hygieneregeln nicht einhalten, keinen Abstand wahren und ist so einem massiv erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt. Das gilt für eine Erstaufnahmeeinrichtung, ebenso für die nun geplante vorläufige Unterbringung auf dem ehemaligen THALES-Gelände.
Große Massenunterkünfte sind zudem strukturell gewaltfördernd. Die Menschen werden oft in Mehrbett- Zimmern untergebracht – ungeachtet dessen, ob sie sich kennen oder nicht. Rückzugsorte und Raum für Privatsphäre sind kaum oder nicht gegeben. 
Das erzwungene Zusammenleben von einander fremden Menschen in räumlicher Enge fördert zwischenmenschliche Konflikte. Mangelnde Privat- und Intimsphäre, etwa gemeinsam genutzte Sanitäranlagen oder nicht abschließbare Duschen sind nicht nur unangenehm. Insbesondere Frauen sehen sich immer wieder Belästigungen und Übergriffen von männlichen Bewohnern oder Personal ausgesetzt oder fühlen sich prinzipiell davon bedroht.
Solange es große Unterkünfte gibt, muss ein gewisser Schutz vor Gewalt durch die verbindliche
Umsetzung von Gewaltschutzkonzepten gewährleistet werden.
Neben Spannungen unter den Bewohnern, kommt es auch zu Konflikten mit Leitungs- und Wachpersonal. Auch diese Probleme kennen wir in Pforzheim. Viele Bewohner – vor allem junge Männer – werden nach Möglichkeiten suchen, der Unwirtlichkeit zu entfliehen und sich an öffentlichen Plätzen aufhalten.
Fremdenfeindlichkeit könnte gefördert werden
Die Massenunterkünfte werden oft als Fremdkörper in oder neben der Kommune wahrgenommen. Es steht zu erwarten, dass sie Zielscheibe gewaltsamer Mobilisierung werden. Große Massenunterkünfte haben noch eine weitere Folge für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die seltener diskutiert wird: Indem Schutzsuchende in großen Lagern zusammengefasst werden, werden sie in der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Individualität beraubt. Sie erscheinen nicht als die „Flüchtlingsfamilie aus dem Nachbarhaus“, sondern als anonyme, gesichtslose Gruppe. 
Diese Entpersonalisierung wiederum ist die Grundlage für das Entstehen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Die räumliche Trennung und der somit fehlende Kontakt werden negative Zuschreibungen geradezu heraufbeschwören und die Unterscheidung zwischen ‚uns‘ und ‚denen‘ zementieren. 
Kontakt mit Geflüchteten reduziert die Vorurteile gegenüber der gesamten Gruppe der Geflüchteten. Da durch die Massenunterkünfte weniger Kontakt zwischen Asylsuchenden und Aufnahmegesellschaft möglich sein wird, ist dies der beste Nährboden für Vorurteile.
 
FAZIT
Massenunterkünfte sind mit großer Skepsis zu Betrachten. Sie werden mit großer Wahrscheinlichkeit das nähere Umfeld belasten und die Stadt- oder Gemeindestruktur verändern. Die Einstellung der lokalen Wohnbevölkerung gegenüber Migranten und geflüchteten Menschen wird wahrscheinlich negativ beeinflusst werden. 
Es ist zu erwarten, dass eine Lagerunterbringung Integrationsprozesse verlangsamt und das Ankommen in der deutschen Gesellschaft gegebenenfalls langfristig deutlich erschwert. Mittelfristig werden die Kommunen paradoxerweise nicht entlastet, sondern noch stärker belastet werden. Die Massenunterkünfte werden Probleme verschärfen, die durch nachholende Integrationsangebote behoben werden müssen. Gelingt dies nicht, sehen wir einer sozialen Spaltung mit enormer Sprengkraft entgegen.
In den letzten Jahren wurden viele positive Erfahrungen mit der dezentralen Unterbringung von Geflüchteten gesammelt, die ein höheres Maß an Selbstbestimmtheit und menschenwürdigen Wohnen sowie sozialer, politischer und kultureller Partizipation ermöglichten. Auf diesen positiven Erfahrungen sollte aufgebaut und Integrationsmöglichkeiten von Anfang an gewährleistet werden. Nur so kann esgelingen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt dauerhaft zu sichern.
 
19.01.2023
Thomas Lutz und Sabine Jost