Mit leeren Händen

Impuls zu Karfreitag und Ostern

Ich steh vor dir mit leeren Händen, mein Gott.

An Karfreitag sind sie das. Leer. Zu dem, was hier geschieht, kann ich nichts beitragen. Jahr für Jahr konfrontiert mich dieser Feiertag. Fordert mich heraus. Gab es keinen anderen Weg? Gott ist die Liebe – konnte die Liebe keinen anderen Weg finden? An Karfreitag sind meine Hände leer.
 
An den anderen Tagen des Jahres ist das anders. Meine Hände halten Kaffeebecher und Stifte, sie umfassen Türklinken und Fahrradlenker, sie schreiben, sie gestikulieren, wenn ich spreche. Manchmal legt jemand seine Hand in meine, wenn ich am Krankenbett sitze. Wir spüren, wie unterschiedlich warm die Hände sind. Wir spüren Trost, können einen Moment still sein. Wenn die Hände gefüllt sind, braucht es manchmal kein Reden.
 
Aber an Karfreitag sind sie leer. Im Tod Jesu muss ich die Liebe Gottes verstehen. Ich schaue auf das Kreuz und sehe, wie dort einer gewaltvoll stirbt. Das macht mich stumm und hilflos.
 
An anderen Tagen ist das leichter. Dann bin ich froh, dass mein Glaube, dass unser Gott, das Leben und das Sterben kennt. Dass er auch im Tod da ist. Dass ihm nichts fremd ist, was wir Menschen erleben. Dass er bei uns ist, was immer auch geschieht. Dass er nicht vor Schreck und Scham die Augen schließt, sondern da ist. Wach und wissend. Von einer tiefen Güte und Gnade, die übersteigt, was ich denken und sagen kann.
Ich ahne, für diese Tiefe braucht es den Karfreitag.
Braucht es den, der hinschaut, hinfühlt, hinliebt. Sich hingibt.
 
Wenn ich auf meine leeren Karfreitagshände schaue, dann erinnere ich mich. Ich erinnere mich an Dinge, die mir aus den Händen gefallen sind. Erst kürzlich ein schönes Glas, an dem ich hing. Es zersprang in unzählige Scherben. Aber es sind auch andere Dinge, die uns aus den Händen gleiten, in der Klinik ist das deutlicher spürbar als anderswo. Selbstverständlichkeiten fallen aus den Händen, wenn man krank wird. Und manche Träume auch.
Was bleibt dann noch, fragen wir. Was bleibt. Dann wenn scheinbar nichts mehr bleibt. Und schauen auf unsere leeren Hände, die nicht halten, nicht festhalten konnten, was uns wertvoll war. Schauen unseren Träumen hinterher. Was bleibt?
 
Wie von ferne flüstert es: Glaube, Hoffnung, Liebe, die bleiben. Und ich erinnere mich auch daran. An diesen Klang, der schon immer in meinem Leben mitschwingt, in allem Zerbrechlichen und Fragilen. Ich bleibe, sagt Gott. Ich bleibe. Und wir sind verbunden, Menschenkind. Glaube, Hoffnung, Liebe, die bleiben uns. Und soll ich dir etwas verraten, sagt Gott, während er meine Scherben einsammelt und behutsam in seinen Händen hält: Die Liebe ist die Größte. Die Wunderbarste.
 
An Karfreitag bin ich Jahr für Jahr Zeugin dieser wunderbarsten Liebe. Die mich dankbar macht und mir auch unbegreiflich bleibt. Zeig mir deine leeren Hände, sagt Gott. Und es fühlt sich an, als würde ich nun ein kleines Licht in meinen Händen halten, wie eine flackernde Kerze. Meine Geschichte ist längst weitergelebt und weitererzählt, das weißt du doch, sagt Gott. In drei Tagen ist Ostern. Ich werde leben. Und du auch.
 

Lied GL 422 | EG 382
Text: Lothar Zenetti 1974 | Musik: Bernard Maria Huijbers 1964
 
Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr;
fremd wie dein Name sind mir deine Wege.
Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott;
mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen?
Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt?
Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.
 
Von Zweifeln ist mein Leben übermannt,
mein Unvermögen hält mich ganz gefangen.
Hast du mit Namen mich in deine Hand,
in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben?
Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land?
Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen?
 
Sprich du das Wort, das tröstet und befreit
und das mich führt in deinen großen Frieden.
Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt,
und lass mich unter deinen Kindern leben.
Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst.
Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.