#zusammenhalten Pforzheim

- 04.04.2024 - 

Rede Dekanin Christiane Quincke zum Protest gegen den „AfD-Bürgerdialog“ in Pforzheim, 2.4.2024

Ich stehe hier heute für das Bündnis „zusammenhalten Pforzheim“
 Mehr denn je müssen wir alles für den Zusammenhalt tun.
Gerade unsere bunte, vielfältige Stadt braucht ihn.
Hier leben Menschen, deren Großeltern schon hier geboren sind.
Hier leben Menschen, deren Vorfahren als Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg in Pforzheim eine neue Heimat gefunden haben.
Hier leben Menschen, deren Eltern als sogenannte Gastarbeiter aus Südeuropa und der Türkei hierher kamen und zum Wachstum unserer Wirtschaft beigetragen haben.
Hier leben Menschen, die wie ich aus beruflichen Gründen hierher gekommen sind.
Hier leben Menschen, die aus Krieg und Verfolgung geflohen sind und hier ihre neue Heimat gefunden haben.
Hier leben alte und junge Menschen, arme und reiche Menschen, christliche, muslimische, jesidische, alevitische, hinduistische, jüdische, atheistische Menschen.
Hier leben Menschen in Familien und alleine, mit Kindern und ohne,
Und unterschiedlichen sexuellen Identitäten.
Hier leben Menschen mit Behinderungen und ohne Behinderungen.
Mit unterschiedlichen politischen Ansichten.
 
Alle sie zusammen machen unsere Stadt aus.
Alle sie zusammen wünschen sich eine lebenswerte Zukunft.
Und darum ist so wichtig, dass wir über diese Zukunft sprechen und nachdenken und dass wir sie gestalten - dass es eine gute Zukunft ist - und zwar für alle.
 
Unsere Stadt braucht sie. Und unsere Stadt braucht den Zusammenhalt mit ihnen.
Was unsere Stadt nicht braucht, ist eine AfD, die nur für einen Teil unserer Bewohner und Bewohnerinnen eine „gute“ Zukunft will.
 
Die AfD tut ja so, als ob sie gerade für die da sein will, die sich abgehängt oder vernachlässigt fühlen. Sie spricht von dem sog. kleinen Mann, von der Rentnerin, von den armen Familien.
Dabei meint sie aber erstens immer nur die deutschen (und unterscheidet auf perfide Weise zwischen Passdeutschen und echten Deutschen)
und zweitens will sie diese nicht wirklich stärken.
 
Die Afd hat sich gegen die Erhöhung des Mindestlohns ausgesprochen, will Steuererleichterungen nur für Reiche und Wohlhabende, und will das Bürgergeld beschneiden und begrenzen. Sie will keine klimaneutralen Maßnahmen unterstützen. Sie will behinderte Kinder nicht mehr in den normalen Schulen haben und Familien mit alleinerziehenden Elternteilen nicht als „normale“ Familien ansehen.
 
Überhaupt der Ausdruck „normal“. Damit will die AfD punkten.
Sie instrumentalisiert damit eine Sehnsucht, die viele von uns haben:
normal zu sein.
Die Vielfalt, die Pluralität unserer Gesellschaft, wie sie eben auch in Pforzheim sichtbar ist, ist anstrengend. Und oft überfordert sie uns auch.
Je komplizierter die Welt ist, desto größer die Sehnsucht, dass alles einfach und klar ist. Das man weiß, woran man ist und wohin die Reise geht.
Wir leben aber in einer Welt, die immer komplexer wird.
Die Informationsflut überfordert uns.
Die Kriege und Konflikte in unserem direkten Umfeld, der Klimawandel usw.
Ja, es herrscht eine Grundangst, dass die Zukunft nicht mehr besser ist als die Vergangenheit. Und das belastet uns alle.
 
Ich bin mit vielem nicht einverstanden, wie unsere Regierung mit dieser Angst umgeht. Ich wünsche mir oft auch andere Lösungen. Aber die AfD hat überhaupt keine Lösungen. Im Gegenteil:
 
Die AfD nutzt diese Angst vor der Zukunft schamlos aus.
Sie gaukelt uns vor, dass sie die Lösungen hätte mit Rezepten der Vergangenheit. Mit einem Familienbild, das nicht mehr der Realität entspricht.
Mit einem Frauenbild, das uns in die 50er Jahre schickt.
Mit einem Menschenbild, das wieder zwischen schützenswert und nichtschützenswert unterscheidet.
 
Die AfD tut nichts für den Zusammenhalt.
Die AfD ist gefährlich.
Sie spricht von Dialog, aber meint Abwertung.
Sie spricht von Gemeinschaft, aber meint Egoismus.
Sie spricht von Gerechtigkeit, aber meint das Recht des Stärkeren.
Sie spricht von Freiheit, aber zieht die Grenzen wieder hoch.
Sie spricht von Werten, aber tritt die Grundrechte mit Füßen.
Sie spricht von Normalität, aber meint ein nationalistisches, totalitäres, rassistisches System.
 
Wie gefährlich das mit dieser sog. Normalität ist, wissen alle, die aus den Normen herausfallen. Und Achtung: das kann jedem und jeder passieren: auf einmal hast du ein behindertes Enkelkind, auf einmal outet sich deine Tochter als homosexuell, auf einmal hast du einen muslimischen Schwiegersohn, auf einmal wirst du krank und kannst nicht mehr arbeiten, auf einmal ist in deinem Land Krieg.
Alles das ist normal - aber nicht, wie die AfD „normal“ versteht.
 
Darum müssen wir zusammenhalten, damit niemand entscheidet, wer normal ist und wer nicht. Und damit dieses „Normal“ nicht zum Maßstab ist.
 
Der Maßstab ist die Würde des Menschen.
Und die ist unantastbar und gilt allen: deutschen und nichtdeutschen, armen, reichen, alten, jungen, alleinerziehenden und gemeinsamerziehenden, arbeitslosen, asylsuchenden, Heimatsuchenden.
Die Würde des Menschen ist der Maßstab und nicht ein „Normal“.
 
Für diese Würde stehe ich hier.
Als Christin glaube ich, dass diese Würde allen Menschen von Gott geschenkt ist.
Aber selbst für die, die nicht religiös sind, gilt:
Die Würde aller Menschen ist zu schützen. Ohne Wenn und Aber.
Und dafür lohnt es sich, dass wir zusammenhalten.
Gerade auch hier in Pforzheim.