Kein Platz für Nazis – Gedenkstunde für verfolgte queere Menschen auf dem Waisenhausplatz

- 16.06.2025 - 

Am Vorabend des diesjährigen Pforzheimer Christopher-Street-Days (CSD) hatte ein Bündnis aus Spotlight & Queer Space, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Gemeinden und der Bürgerbewegung #Zusammenhalten kurzfristig auf den Waisenhausplatz über Social-Media-Kanäle zu einer Gedenkstunde eingeladen. 

Timur Fuhrmann-Piontek (Spotlight Pforzheim e.V.) erinnerte an die homosexuellen Verfolgten auf Grundlage des Paragrafen 175.

Quelle: Steffen Reinhold

Just an diesem Platz wird am Samstag parallel zum CSD der rechtradikale „Deutsche Störtrupp DST“ der bunten und queeren Community auf dem Pforzheimer Marktplatz gegenüberstehen. Anlass genug für die rund 150 Besucherinnen und Besucher der Gedenkstunde, dem Ruf zu folgen und den Opfern der Verfolgung queerer Menschen im Nationalsozialismus zu gedenken.
Bei brütender Hitze hatten die Aktivisten ein schwarzes Tuch auf dem Pflaster ausgebreitet, das geschmückt war mit queeren Flaggen, Kerzen und frischen Rosen.
In seiner Eingangsrede erinnerte der schwule Aktivist Timur Fuhrmann-Piontek nicht nur an die Verfolgung und Ermordung Homosexueller im Nationalsozialismus, sondern spannte einen historischen Bogen des Paragrafen 175, der – in abgemilderter Form – bis 1994 Gültigkeit hatte und schwules Leben kriminalisierte. Erst 2017 seien die schändlichen Urteile nach Jahrzehnten aufgehoben worden. Viele der Opfer haben dies nicht mehr erleben dürfen.
Fuhrmann-Piontek warnte mit deutlichen Worten vor der neuerlichen Menschenverachtung durch Rechtsradikale und Nazis: „Wir dürfen es nicht zulassen, dass wir zum Schweigen gebracht werden“.
Für die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Gemeinden Pforzheims ging die evangelische Dekanin Christiane Quincke in ihrer Rede auf das Leben des Theologen Martin Niemöller ein: Niemöller, der selbst jahrelang in NS-Haft und im Konzentrationslager war, hatte seinerzeit zwar immer den verfolgten Kommunisten, Gewerkschaftern und Juden gedacht, aber die Homosexuellen verschwiegen. Quincke sagte, dass sich dieses Schweigen über homosexuelle Opfer bei vielen wichtigen Persönlichkeiten ihrer Kirche fortgesetzt habe. „Wir Kirchen haben auch hier versagt. Und dafür bitte ich um Entschuldigung“, bat Pforzheims Dekanin.
Dekanin Christiane Quincke bat die Opfer der Verfolgung im Namen der evangelischen Kirche um Entschuldigung. 

Quelle: Steffen Reinhold

Gott sei Dank sei das heute anders und man stehe in dieser Gedenkstunde zusammen, weil endlich erkannt wurde, dass „Gott wunderbare Vielfalt geschaffen habe“ und respektvolle Liebe an oberste Stelle setze. „Queere Menschen sind Teil unserer Kirchen – und das ist gut so“, sprach Quincke. Sie bat alle Anwesenden nach ihrer Rede um eine Schweigeminute.
Pfarrerin Ruth Nakatenus gedachte den queeren Menschen im Nationalsozialismus. 

Quelle: Steffen Reinhold

Die pensionierte Pfarrerin der Friedensgemeinde, Ruth Nakatenus, legte in ihren Worten den Schwerpunkt auch auf andere queere Menschen, die vor 1945 im Fadenkreuz der Nazis standen. „Sie liebten und sie kämpften“, sagte die Theologin und erinnerte an das Recht der Selbstbestimmung. Miriam Haidle von der Bürgerbewegung #Zusammenhalten erzählte die tragische Geschichte des Pforzheimer Homosexuellen Kurt Weber, der 1939 in Haft kam und 1945 aus dem KZ Dachau befreit wurde. Er starb 1973 mit nicht einmal 60 Jahren in Pforzheim. In seinem Andenken wurde ein „Stolperstein“ in der Bleichstraße eingesetzt.
Die Rednerinnen und Redner verabschiedeten alle Anwesenden mit dem hoffnungsvollen, aber auch sorgenvollen Motto auf den Pforzheimer CSD am Samstag: "Nie wieder still!".
 
 
Text und Bilder: Steffen Reinhold l Pforzheim